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Mao Zedong, c.1938

Mao Zedongs Bezugnahme auf Clausewitz

by Yuanlin Zhang

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Zhang Yuanlin, "Mao Zedongs Bezugnahme auf Clausewitz," Archiv für Kulturgeschichte Volume 81: Issue 2, published online 1 Dec 1999. https://doi.org/10.7788/akg.1999.81.2.443. We would like to talk to Dr. Zhang about his work on Mao and Clausewitz. If you have his contact info or know where he is working, please pass it to us.

Der preußische Generalmajor Carl von Clausewitz (1780-1831) wurde und wird in China als der Begründer und Hauptvertreter der Kriegstheorie der neueren Zeit in Europa angesehen.*1 Die Übersetzung seines theoretischen Hauptwerks Vom Kriege hat dort schon eine lange Geschichte.*2 Mao Zedong*3 (1893-1976) ist nicht nur als der politische Führer der Chinesischen Revolution, sondern auch als der militärische Stratege und Taktiker derselben bekannt. Clausewitz und Mao lebten in verschiedenen Zeiten und gehören zu zwei weit entfernten Nationen. Haben sie beide eine geistige Beziehung? Bisher haben manche Publikationen dieses Rätsel zwar berührt, aber überhaupt nicht gelöst. Das Anliegen des vorliegenden Aufsatzes ist es, Mao Zedongs geistige Bezugnahme auf Clausewitz konkret zu untersuchen und nachzuweisen.

I. Die bisherige Forschung zu diesem Thema Ich halte es für zweckmäßig, zuerst eine kurze Bilanz über die bisherige Mao- Clausewitz-Forschung zu ziehen, bevor ich mich mit dem Anliegen der vorliegenden Arbeit beschäftige.

*1. Vgl. Li Yuri, Studien der Klassiker der Kriegstheorien im Osten und im Westen. Guilin 1943, S.2; Jing En, Der Fortschritt und Begrenztheit der clausewitzschen Kriegslehre. In: Chinesische Militärwissenschaft, Heft, 2/1988, chinesisch, S. 68 ff.

*2. Vgl. Zhang Yuan-Lin, Die chinesischen Ausgaben des Werkes Vom Kriege von Carl von Clausewitz. In: Österreichische Militärische Zeitschrift, Heft 3/1990, S. 229 ff.

*3. In der vorliegenden Arbeit hat der Verfasser sich für eine Anwendung der chinesischen Pinyin-Umschrift entschieden und zwar mit der Begründung, dass sich die Pinyin-Umschrift nicht nur in den fremdsprachlichen Publikationen der Volksrepublik China vollständig, sondern auch international immer mehr durchgesetzt hat. Nach der Regel der Pinyin-Umschrift schreibt man z. B. Mao Zedong statt Mao Tse-tung, Jiang Jieshi statt Tschiang Kai-scheck. In den Zitaten werden aber originale Namen und Terminologie unberührt weiter behalten.

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Ist es bis in die jüngste Zeit hinein unbekannt, "ob auch der Stratege des langdauernden Volkskrieges, Mao Tse-tung, ein Clausewitz-Leser war"*4, so berührten doch einige Forscher dieses Thema in ihren bisherigen Clausewitz- Forschungen und bemerkten gewisse Ähnlichkeiten in einigen Auffassungen von Clausewitz und Mao. Der bekannte Clausewitz-Forscher Werner Hahlweg, der in den 1950er Jahren Lenins Verhältnis zu Clausewitz eingehend und systematisch untersuchte,*5 bemerkte beispielsweise schon in den 1960er Jahren Maos Bezugnahme auf Clausewitz und glaubte, dass Clausewitz auch Mao Zedong bekannt sei.*6 Mao habe den Satz vom Krieg als "Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln" zitiert und kommentiert.*7 Zu dieser Zeit erklärte Hahlweg aber noch nicht, durch welchen Weg Mao zu den Kerngedanken von Clausewitz über die Beziehung zwischen der Politik und dem Krieg gelangte. Außerdem gab er zu: "Indes wird sich aus diesen wenigen Äußerungen nicht mit Sicherheit entnehmen lassen, ob sich Mao Tse-tung, darüber hinaus tiefer mit Clausewitz beschäftigt oder ihn mehr im Sinne eines Schlagwortes zitiert hat."*8 In den 1970er Jahren ging Hahlweg in diesem Thema weiter. Nach seiner Ansicht gehört Mao zu den führenden Guerilla-Strategen und Theoretikern und hat die Gedanken im Werk Vom Kriege für seine Zwecke nutzbar gemacht. "Weiterhin hat sich Mao Tse-tung in seiner 1937 erschienenen Broschüre über die Führung des Guerillakrieges dort auf Clausewitz berufen, wo es ihm darauf ankommt, den individuellen Charakter der Kriege je nach Verschiedenheit von Völkern und Epochen zu begreifen. Clausewitz habe im Werk Vom Kriege geschrieben, die Kriege würden unabhängige Formen und unabhängige Bedingungen besitzen; daher müsse jede Periode die ihr eigene Kriegstheorie haben."*9

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*4. Dietmar Schössler, Carl von Clausewitz mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg 1991, S.128.

*5. Werner Hahlweg, Lenin und Clausewitz. Ein Beitrag zur politischen Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts. In: Archiv für Kulturgeschichte 36, 1954, Heft 1,3.

*6. Carl von Clausewitz, Schriften-Aufsätze-Studien-Briefe. Dokumente aus dem Clausewitz-, Scharnhorst- und Gneisenau-Nachlass sowie aus öffentlichen und privaten Sammlungen. Hrsg. von Werner Hahlweg. Bd. I, Göttingen 1966, S. 24.

*7. Ebd.

*8. Ebd.

*9. Werner Hahlweg, Das Clausewitzbild einst und jetzt. In: Carl von Clausewitz, Vom Kriege. Bonn 1991, S. 160.

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Schließlich äußerte Hahlweg seine Meinung dazu, durch welchen Weg Mao Zedong mit Clausewitz in Berührung kam: "übrigens dürfte Mao Tse-tung wohl über die Vermittlung Lenins zu Clausewitz gelangt sein."*10

Dirk Blasius schrieb in den 1960er Jahren einen ziemlich langen Artikel mit dem Titel "Carl von Clausewitz und die Hauptdenker des Marxismus" und machte dabei darauf aufmerksam, dass man den Denker Mao nicht vernachlässigen darf, wenn man sich mit dem Thema "Carl von Clausewitz und die Hauptdenker des Marxismus" befasst. Seines Erachtens lässt Maos Interpretation des Kerngedankens der clausewitzschen Kriegsphilosophie, nämlich des Verhältnisses zwischen dem Krieg und der Politik, den Schluss auf seine eingehende Beschäftigung mit der Gedankenwelt des Werkes "Vom Kriege" zu. Und Mao müsste zunächst über Lenin mit den Gedankengängen Clausewitz' in Berührung gekommen sein,"*11 Aber Blasius konnte nicht beurteilen, in welchem Umfang Mao Zedong darüber hinaus eigene Clausewitz- Studien betrieb. Trotzdem wurde er nicht daran gehindert, die Kriegstheorien von Mao und Clausewitz zu vergleichen. Ihm scheint Mao in seiner praktischen Kriegslehre an einzelnen Punkten von Clausewitz beeinflusst zu sein, ohne dass sich dies freilich eindeutig verifizieren ließe. Nach seiner Ansicht stimmt z.B. Maos Begriff der Verteidigung fast wörtlich mit dem Clausewitz' überein. Auch Clausewitz' Begriff der "kriegerischen Handlung" sei von Mao übernommen worden. Darüber hinaus glaubte Blasius, dass Maos Theorie des Partisanenkrieges bestimmten Erscheinungsformen des von Clausewitz beschriebenen Volkskrieges entspricht. Aber "ob ein direkter Einfluss Clausewitz' auf Mao in diesem Punkte vorliegt," lässt sich von ihm aus nicht "entscheiden."*12 Insgesamt geht aus Blasius' Studien hervor, dass er sich intensiv dem Vergleich von Mao und Clausewitz widmete und dabei einen weiteren Beitrag zum Thema Mao und Clausewitz leistete. Aber in den Fragen, ob oder wieweit Mao Clausewitz studierte, konnte er uns keine klare Antwort geben.

Sebastian Haffner verfasste für das Buch "Mao Tse-tung, Theorie des Guerillakrieges oder Strategie der Dritten Welt" einen Essay mit dem Titel "Mao und Clausewitz," in dem er zuerst die Begriffe des Krieges bei Mao und Clausewitz interpretierte und dann den fünf Grundsätzen der europäischen Kriegführung die Grundsätze der Volkskriegstheorie von Mao Zedong gegenüberstellte."*13

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*10. Ebd.,S.347.

*11. Dirk Blasius, Carl von Clausewitz und die Hauptdenker des Marxismus. In: Wehrwissenschaftliche Rundschau 5/1966, S. 345-346.

*12. Ebd., S. 347.

*13. Sebastian Haffner, Mao und Clausewitz. Einleitender Essay. In: Mao Tse-tung, Theorie des Guerillakrieges oder Strategie der Dritten Welt. Reinbek 1966, S. 14-22; Wiedergedruckt in: Günter Dill (Hrsg.), Clausewitz in Perspektive. Ullstein 1980, S. 652-663.

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Haffners Studien können in gewissem Maß Anregungen geben, sich mit der europäischen Kriegführung und der chinesischen Guerilla vertraut zu machen, aber sie können uns in der Tat beim Verstehen der Kriegstheorien von Clausewitz und Mao wenig helfen, weil er selbst weder Clausewitz noch Mao wirklich zu begreifen schien.

Wilhelm von Schramm erwähnte Mao Zedong am Ende seines Buches "Clausewitz. Leben und Werk" ganz kurz: Mao als Leninist sei "gleichfalls ein genauer Clausewitz-Kenner und Freund der Kriegsphilosophie."*14 Aber er lieferte keinen einzigen Beweis dafür. Seine Behauptung, Mao habe "immer wieder deutlich ausgesprochen, dass der Zweck dieser Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln die Weltbeherrschung sei,"*15 ist mir völlig neu. In Maos Schriften habe ich eine solche Formulierung nie gelesen. Sie ist wahrscheinlich auch nicht vorhanden.

Der französische Soziologe und Clausewitz-Kenner Raymond Aron hat in seinem Werk "Clausewitz, Den Krieg denken" ein eigenes Kapitel mit dem Titel "Die Volksbewaffnung," in dem er sich mit dem Thema "Mao Tse-tung und die Dialektik defensiv-offensiv" beschäftigte. Gleich am Anfang dieses Teils fasste Aron von den erreichbaren Quellen her den Stand seines Wissens zusammen: "Ich weiß nicht, ob Mao Tse-tung Clausewitz gelesen oder studiert hat. Er zitiert die Formel und verweist auf Lenins Hefte von 1915 bis 1917 ... Er benutzt eine Militärsprache, die mehrfach an die in Vom Kriege erinnert. Aber die benutzten Begriffe—Verteidigung-Angriff, Zeit-Raum, innere und äußere Linien, Vernichtung-Ermattung—gehören zu einem fortan geläufigen Wortschatz."*16 "Muss man daraus folgern, dass Mao Clausewitz studiert hat? Ich will das nicht bejahen. Die Denkweise erscheint mir dieselbe aus dem einfachen Grund, dass sie mit dem gesunden Menschenverstand übereinstimmt, dieselbe Begriffe benutzt."'*17 Mao habe die Interpretation Lenins aufgegriffen, obwohl er dem Menschen Clausewitz und auch seiner geistigen Welt fremd gewesen sei.'*18 Anschließend vergleicht Aron einige Auffassungen von Mao mit den von Clausewitz, wobei er Mao mehrmals als einen Clausewitzianer bezeichnet."*19

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*14. Wilhelm von Schramm, Clausewitz. Leben und Werk. Esslingen am Neckar 1976, S. 571.

*15. Ebd.

*16. Raymond Aron, Clausewitz. Den Krieg denken. Aus dem Französischen übersetzt von Irmala Arnsperger. Frankfurt am Main, Berlin 1980, S. 424.

*17. Ebd., S. 433.

*18. Ebd., S. 424.

*19. Ebd., S. 432,434.

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Aron meinte: "Der militärische Beitrag zur Theorie des Krieges, den die Schriften von Mao leisten, scheint mir origineller als der politische. Dieser zieht, wie ich ihn zusammengefasst habe, die logischen Konsequenzen aus der leninschen Interpretation von Clausewitz."*20 Schließlich urteilte er mit einem Satz: "Der Clausewitzsche Begriff, der durch Lenins Übertragung in den Marxismus eingegangen ist, bestimmt die geschichtlich-politische Sicht von Mao Tse-tung, wenigstens bis zum Sieg 1949."*21 Es liegt auf der Hand, dass es Aron unbekannt war, ob Mao Clausewitz studiert hat. Durch den Vergleich einiger Auffassungen von Mao und Clausewitz stellt er fest, dass Mao im Wesentlichen ein Clausewitzianer sei. Aber über den Weg, durch den Mao mit Clausewitz' Gedankengang in Berührung kam, wies Aron nur auf Lenins Clausewitz-Interpretation hin. Sein abschließendes Urteil über den Einfluss des clausewitzschen Begriffes auf "die geschichtlich-politische Sicht von Mao" scheint mir an Grundlagen und Begründungen zu mangeln.

Man kann weitere Autoren nennen, die in ihren Forschungen Maos Verhältnis zu Clausewitz erwähnten. Aber generell gesagt haben die oben genannten Beispiele den Stand der Mao-Clausewitz-Forschung in Europa im wesentlichen gezeigt. Diese Beispiele der bisherigen Forschung lassen erkennen, dass das Verhältnis zwischen Mao und Clausewitz die Aufmerksamkeit zahlreicher Forscher erregte. Anhand der verfügbaren Werke von Mao und Clausewitz sowie anderen Materialquellen wollten sie herausfinden, ob Mao eine geistige Verwandtschaft mit Clausewitz hat, inwiefern Clausewitz Mao beeinflusst und welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede die beiden haben. Ihre Studien waren erste Versuche in dieser Forschungsrichtung und dürften als erste Beiträge oder Materialquellen zur Mao-Clausewitz-Forschung angesehen werden. Da Mao eine Anmerkung gemacht hatte, dass er die Clausewitz-Formel vom Krieg als "Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln" aus Lenins Schrift zitierte, kamen manche Forscher zu der Schlussfolgerung, dass Mao durch Lenin mit den Gedankengängen von Clausewitz in Berührung gekommen sei. Aber ihnen war dabei unbekannt, ob Mao auch durch andere Wege zu Clausewitz gelangte. Manche Forscher verglichen zwar Maos Auffassungen über Volkskrieg, Krieg und Politik sowie Angriff und Verteidigung mit den entsprechenden von Clausewitz und zeigten Maos mögliche geistige Verwandtschaft mit Clausewitz.

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*20. Ebd., S. 429.

*21. Ebd., S. 436.

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Aber sie lieferten keine direkten Beweise dafür, dass Mao das Werk von Clausewitz persönlich studiert und Clausewitz' Gedanken für China nutzbar gemacht hatte. Ihre Beurteilungen beruhten hauptsächlich auf Vermutungen. Dietmar Schössler, ein führender Clausewitz-Forscher in Deutschland, hat neuerdings den Stand der Mao- Clausewitz-Forschung treffend zusammengefasst: "Bis zum Ausgang der achtziger Jahre konnte nicht ermittelt werden, ob beispielsweise auch Mao sich Auszüge von Clausewitz anfertigte. So konnte lediglich festgehalten werden, dass Denkmethode und Begriffe bei Clausewitz und Mao sich in frappierender Weise glichen; doch die Erklärung dafür bot sich nur über Lenins Vermittlerrolle und über die Beobachtung, dass logisch denkende Strategen eben «clausewitzisch» vorgehen."*22

II. Mao Zedongs Bezugnahmen auf Clausewitz

Vor dem Jahre 1978, also vor der Reform und Öffnung Chinas, war es noch ein Tabu, Mao Zedong wissenschaftlich und wirklichkeitsgetreu zu betrachten. Er wurde vergöttert. Nichts durfte gesagt oder getan werden, was seinem Ruhm auch nur ein klein wenig hätte schaden können. So wurden Maos Biographien damals meistens von Ausländern geschrieben. Das Verhältnis zwischen Mao und Clausewitz wurde in der Öffentlichkeit selbstverständlich nicht erwähnt. Erst seit der 1978 beginnenden Reform und Öffnung Chinas ist es auch in der Volksrepublik China möglich geworden, Mao objektiv zu untersuchen und in größerem Umfang an Informationen über Maos Gedankengut zu gelangen. Dies ermöglicht die folgende Untersuchung.

II.1. War Mao Zedong ein Clausewitz-Leser?

Nachdem ich Materialien über Maos originelle Schriften, Aufzeichnungen und die Erinnerungen der Zeitgenossen Maos gesammelt und eine eingehende Untersuchung durchgeführt habe, kann ich nun die Frage, ob Mao Clausewitz' Werk Vom Kriege gelesen hat, definitiv beantworten: Mao hat es gelesen und zwar im Frühling 1938.

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*22. Dietmar Schössler, Carl von Clausewitz (wie Anm. 4), S. 129.

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Im Juli 1937 griff die japanische Armee, die bereits den Nordosten Chinas besetzt hatte, die Stadt Beiping—später in Beijing (Peking) umbenannt—an und wollte anschließend das ganze China erobern. Es ging damals um Leben oder Tod der chinesischen Nation. Eine der wichtigsten antijapanischen Kräfte im Lande war die "Chinesische Rote Armee der Arbeiter und Bauern" unter Mao Zedongs Führung, die bisher ständig dem Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzug der Guomindang-Armee unter Jiang Jieshi (Tschiang Kaischeks) Führung ausgesetzt gewesen war und endlich nach einem schwierigen und erfolgreichen "Langen Marsch"*23 im Oktober 1935 ein solides Hauptquartier in Yan-An gegründet hatte. Sie stand bald aber wieder vor einem Krieg mit neuem Charakter und neuer Qualität, nämlich dem nationalen Widerstandskrieg gegen die japanische Aggression. Um die Erfahrungen aus dem vergangenen Bürgerkrieg zusammenzufassen, um in der veränderten Lage die richtige Politik und Strategie für den nächsten Kampf aufzustellen, las Mao zu dieser Zeit eine Menge philosophischer, politischer und militärischer Bücher. Nach den verfügbaren Informationen las Mao hier in Yan-An unter anderen folgende Werke: "Anti-Dühring" von Engels, "Zur Frage der Dialektik" von Lenin, "Über die Entwicklung der monistischen historischen Auffassung" von Plechanov, "Über die Denkmethode" und "Populäre Philosophie" von Ai Siqi, einschließlich der Schriften von Kant, Hegel und Feuerbach.*24 Dabei studierte Mao auch intensiv einige chinesische und ausländische militärtheoretische und kriegsgeschichtliche Bücher, darunter besonders "Sunzi über die Kriegskunst" und Clausewitz' Werk Vom Kriege.

Gao Lu, einer der Autoren des Sammelbandes "Mao Zedong beim Lesen," hat einen wichtigen Hinweis auf Maos damalige Studien des Werkes Vom Kriege gegeben. In seinem Beitrag "Mao Zedong und Logik" vermittelte Gao Lu, wie Mao in seinem ganzen Leben Logik studierte und sich um die wissenschaftliche Diskussion über die Logik kümmerte. Dabei erwähnte er beiläufig Folgendes: "Im Frühling 1938 hatte Mao Zedong das Buch, Abriss der Soziologie' von Li Da fertig gelesen und las gerade Clausewitz' Werk Vom Kriege.

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*23. Über diesen "25.000-Li-Marsch," wie die Chinesen ihn nennen, ist schon viel geschrieben worden, z.B.: 1). Chen Changfeng, Mit dem Vorsitzenden Mao auf dem Langen Marsch. 2. Aufl. Beijing 1972; 2). Edgar Snow, Roter Stern über China. Frankfurt am Main 1974; 3). Harrison E. Salisbury, The Long March. The Untold Story. Aus dem Englischen übersetzt von Guo Jiading, Chen Zhenjiu und Zhang Yuanyuan. Beijing 1985; 4). Han Suyin, Die Morgenflut. Zürich 1972; 5). die Schilderungen von Mao Zedong selbst, die in seinem "Ausgewählten Werk" (Bd. I, Beijing 1968, deutsch, S. 181-187) zu finden sind.

*24. Gong Yuzhi, Feng Xianzhi und Shi Zhongqiuan, Mao Zedong beim Lesen. Sanlian-Verlag für Leben, Lesen und neue Kenntnisse. Beijing 1986, chinesisch, S. 69-70.

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Am 24. März hat er das Werk Vom Kriege bis zur 111. Seite gelesen."*25 Gao Lu zitierte außerdem in seiner Anmerkung Maos Lesetagebuch vom 28. März 1938: Vom Kriege, s. 112-122 gelesen."*26 Soviel ich weiß, wurde hier in der Publikation zum ersten Male öffentlich berichtet, wann Mao persönlich das Werk Vom Kriege las. Die Aussagen von Gao Lu sind vertrauenswürdig, da er lange Zeit bei Mao als wissenschaftlicher Sekretär gearbeitet hatte und viel über den Inhalt der Lektüre und der unveröffentlichten Schriften von Mao weiß. Das Buch "Mao Zedong beim Lesen" hat in gewissem Maß einen offiziellen Charakter, obwohl einzelne Autoren in eigenem Namen geschrieben haben. Der bekannte chinesische Politiker Deng Xiaoping zeigte ungewöhnlicherweise sein Interesse an der Veröffentlichung dieses Buches und hat persönlich mit einem Pinsel den Buchtitel für das Titelblatt geschrieben.

Wäre es nur ein Hinweis oder ein indirekter Beweis, dass Gao Lu etwas über Maos Studium des Werkes Vom Kriege nebenbei erwähnte, haben wir nun jedoch einen direkten und offiziellen Beweis für Maos Studium dieses Werkes gefunden, nachdem ein Sammelband mit dem Titel "Mao Zedongs Randglossen für philosophische Werke" (zusammengestellt und herausgegeben von dem Forschungsamt für Dokumente bei dem Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas) im Jahr 1988 veröffentlicht worden war. Dieser Sammelband umfasst Maos Randglossen für 10 philosophische Werke. Darin wurde Maos Lesetagebuch vom 1. Februar bis zum 1. April 1938 beigefügt.

Hier gehe ich auf dieses Lesetagebuch ausführlich ein. Infolge der langjährigen angespannten und gefährlichen Situation im damaligen China konnte Mao sein Tagebuch nicht ununterbrochen führen, was er bereits an dessen Anfang erwähnte: "Den 1. Februar 1938. Bereits seit 20 Jahren habe ich kein Tagebuch geführt. Heute will ich wieder anfangen, um mir wissenschaftliche Erkenntnisse zu erwerben...."*27 Anschließend, also in seinem Lesetagebuch vom 1. Februar bis zum 16. März 1938, schrieb Mao nieder, wie er "Abriss der Soziologie" von Li Da las. Am 18. März 1938 fing er an, Clausewitz' Werk Vom Kriege zu lesen. Dies zeichnete er in seinem Lesetagebuch auf:

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*25. Gao Lu, "Mao Zedong und Logik." In: Mao Zedong beim Lesen (wie Anm. 24), S. 122.

*26. Ebd.

*27. Mao Zedongs Randglossen für die philosophischen Schriften. Hrsg. von Forschungsamt für Dokumente beim Zentralkommitee der kommunistischen Partei Chinas. 1. Aufl. Beijing 1988, chinesisch, S. 279.

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Den 18. Beginn mit dem Lesen des Werkes ,Vom Kriege' von Clausewitz. Vorwort und Verzeichnis, Seite 1-19. Erstes Buch über die Natur des Krieges, ab Seite 24. Heute habe ich erstes Kapitel fertig gelesen, bis Seite 55.

Den 19. nichts gelesen.

Den 20. Seite 57-91.

Den 21. Seite 92-102.

Den 22. nichts gelesen.

Den 23. Seite 103-111.

Den 24. nichts gelesen.*28

In den folgenden 3 Tagen, nämlich am 25. 26. und 27. März 1938, legte Mao Clausewitz' Werk Vom Kriege beiseite und las das Buch von Pan Xinnian "Logik und Logiktheorie" (Herausgabe im Oktober 1937), das er völlig neu fand, fertig. In den folgenden Tagen setzte Mao sein Lesen des Werkes "Vom Kriege" fort.

Den 28. Vom Kriege S. 112-122.

Den 29. nichts gelesen.

Den 30. nichts gelesen.

Den 31. Seite 123-167.

Den 1. April. Seite 168–.*29

Das letzte Datum des Lesetagebuches ist der 1. April 1938. An diesem Tag las Mao das Werk Vom Kriege ab Seite 168. Es wurde dabei aber nicht protokolliert, bis zur wievielten Seite er an diesem Tag las. Es gibt auch keinen Beleg dafür, ob er anschließend das Hauptwerk vom Clausewitz bis zur letzten Seite durchlas.

Dieses Lesetagebuch wurde nach Maos eigener Handschrift gedruckt. Das Original wurde in einem Heft mit Linien niedergeschrieben und beträgt 7 Seiten. Es liegt nun im zentralen Archiv Chinas. Die Frage, ob Mao nach dem 1. April 1938 kein Lesetagebuch mehr führte oder der Rest des Lesetagebuches verloren ging, bleibt noch offen.

Aus Maos Lesetagebuch geht hervor, dass er mehr Zeit für das Lesen des Werkes Vom Kriege von Clausewitz in Anspruch genommen hat, als er das bei seiner sonstigen Lektüre tat.

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*28. Ebd., S. 282.

*29. Ebd., S. 283.

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Den ersten Tag (den 18. März 1938) ausgenommen, an dem er 55 Seiten gelesen hatte, las er jeden Tag weniger als 45 Seiten. Aber als er "Logik und Logiktheorie" von Pan Xinnian las, brauchte er für 240 Seiten nur 3 Tage, also durchschnittlich 80 Seiten pro Tag. D.h., er las "Logik und Logiktheorie" viel schneller als Vom Kriege. Die Gründe dafür liegen meines Erachtens in folgendem:

a) Das Werk Vom Kriege ist ein von einem Ausländer geschriebenes Buch, dessen Ausdrucksweise anders als die chinesische ist. Die andersartigen Ausdrucksweisen können grundsätzlich auch nicht durch sprachliche Vermittlung verändert werden. Dazu kommt noch die schlechte Qualität der damaligen chinesischen Übersetzung. Um es zu lesen und zu verstehen, musste er mehr Zeit gebrauchen;

b) Mao Zedong schenkte dem weltbekannten klassischen Werk große Aufmerksamkeit, wollte es nicht oberflächlich behandeln, sondern es eingehend studieren und wirklich verstehen. Darauf ist es wahrscheinlich auch zurückzuführen, dass Mao in dieser Zeit persönlich ein "Seminar über Clausewitz' Werk, Vom Kriege" veranstaltete, darauf ich nachher noch näher eingehen werde.

Mit der Veröffentlichung des Lesetagebuches von Mao Zedong wurde das Rätsel, ob er Clausewitz' Werk Vom Kriege las, endgültig gelöst.

II.2. Welche chinesische Version des Werkes Vom Kriege
las und besaß Mao Zedong?

Um Klarheit über Maos Clausewitz-Studien zu gewinnen, ist es erforderlich, weiter zu untersuchen, welche chinesische Version oder Versionen des Werkes Vom Kriege von Clausewitz Mao las und besaß.

Mao studierte niemals im Ausland. Er war einmal Organisator des Auslandsstudiums, wollte sich aber zuerst mit der Lage in China vertraut machen und erst dann mit einem Auslandsstudium beginnen. Aber später brachte die chinesische Situation ihn von seinem Vorhaben ab. Er konnte kaum eine Fremdsprache. Zwar hatte er ein bisschen Englisch gelernt. Sein Niveau reichte aber nicht aus, um die englische Ausgabe des Werkes Vom Kriege zu lesen. Also konnte er das Werk nicht in Fremdsprachen, sondern nur im Chinesischen lesen. Welche chinesische Ausgabe besaß und las Mao? Darüber gab er selbst keine Angaben. Um diese Frage zu beantworten, bleibt nichts anderes übrig, als die verfügbaren Unterlagen und Informationen zu verifizieren.

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Nach meiner Untersuchung gab es in China 4 chinesische Ausgaben und eine unveröffentlichte Übersetzung des Werkes Vom Kriege, als Mao es im Jahre 1938 las. Um die obengenannte Frage zu beantworten und die folgende Analyse zu erleichtern, verschaffen wir uns zunächst einen Überblick über diese Ausgaben.

Den historischen Materialien nach wurde Clausewitz' Werk Vom Kriege zuerst im Jahre 1910 über Japan in die Bao Yanger Heeresschule Chinas eingeführt."*30 Die 1. chinesische Ausgabe des Werkes wurde 1911 von der "Gesellschaft für die Ausbildungsstudien des Heeres" (in 10 Bänden) herausgegeben. Im folgenden Jahre (1912) haben die Mitglieder des Vereins für Militärstudien in Guangdong freiwillig Geld gesammelt, um die oben erwähnte Ausgabe zu korrigieren und nachzudrucken.''*31

Drei Jahre später (1915) erschien die 2. Ausgabe des Werkes, deren Übersetzer Oberstleutnant Qü Shouti ein Ausbilder in der Baodinger Offiziersschule des Heeres war. Der damalige interimistische Vizepräsident der Republik China, Li Yuanhong,*32 und der stellvertretende Chef des Heeres Jiang Zhuobin,"*33 schrieben Geleitworte für diese Ausgabe.*34

Die Baodinger Offiziersschule des Heeres hatte schon vor Qü Shoutis Ausgabe die Übersetzung des Werkes Vom Kriege organisiert und den Übersetzungstext als Lehrstoff benutzt. Die 3. Ausgabe in 2 Bänden folgte im Jahre 1934 in Shanghai. Der Übersetzer Liu Jo-shui, der sich vor allem für die Philosophie interessierte, übersetzte das Werk ebenfalls aus dem Japanischen. Liu war voller Bewunderung für Clausewitz' Wissenschaftlichkeit und Methode in der Kriegsforschung.''*35

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*30. Vgl. Vorbemerkung des Vereins für Militärstudien in Guangdong. In: Carl von Clausewitz, Vom Kriege. Hrsg. vom Verein für Militärstudien in Guangdong. Guangdong 1912, S. 1.

*31. Ebd.

*32. Li Yuanhong (1864-1928) wurde zum Vizepräsidenten Chinas gewählt, als die Nankinger provisorische Regierung am 1.1.1912 gegründet wurde. Er wurde Staatspräsidenten, nachdem Yuan Shikai am 6.6.1916 gestorben war. Kurze Zeit später wurde er jedoch von Zhang Xun gestürzt.

*33. "Jiang Zuobin (1884-1942) war seit der Gründung der Nankinger provisorischen Regierung am 1.1.1912 stellvertretender Chef der Heeresleitung. 1916 wurde er nach dem Tod von Yuan Shikai stellvertretender Chef des Generalstabes.

*34. Geleitworte von Li Yuanhong und Jiang Zuobin. In: Carl von Clausewitz, Vom Kriege. Aus dem Japanischen von Oberstleutnant Qü Shouti. Zhonghua-Verlag. Shanghai 1915, chinesisch, S. 6-8.

*35. Vorbemerkung des Übersetzers. In: Carl von Clausewitz, Vom Kriege. Aus dem Japanischen von Liu Jo-shui. Xinken-Verlag. Shanghai 1934, chinesisch. S. 3.

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Während des Widerstandskrieg gegen Japan (1937-1945) kamen in rascher Folge mehrere chinesische Ausgaben des Werkes Vom Kriege heraus. Viele Leute meinten, dass die Chinesen die Weisheit von Sunzi und die Kriegstheorie von Clausewitz gut verstehen und beherrschen sollten, um die technisch überlegenen japanischen Aggressoren zu besiegen. Aber für die meisten Leser war das Werk Vom Kriege ein Buch mit sieben Siegeln. Man war mit den vorhandenen Übersetzungen gar nicht zufrieden.

Im Jahre 1937 brachte der Verlag für die Militärbücher eine neue Übersetzung des Werkes heraus (die 4. Ausgabe). Außer dem von Yang Yanchang geschriebenen Geleitwort fügten die Übersetzer noch die bekannte Einführung des deutschen Generalstabschefs Graf von Schlieffen für die 5. deutsche Auflage und das Vorwort von Oberstleutnant a. D. Paul Creuzinger für die 11. deutsche Auflage hinzu.*36

In den oben vorgestellten 5 Versionen war der in der Baoyanger Heeresschule als Lehrstoff benutzte Übersetzungstext für Mao kaum zugänglich.*37 Wir können ihn also aus unserer Untersuchung ausschließen.

Unter den restlichen 4 Versionen muss Mao Zedong nach meiner Untersuchung mindestens die Ausgabe des Werkes Vom Kriege, die von Liu Joshui ins Chinesische übersetzt wurde und im Jahre 1934 in Shanghai erschien, gelesen haben. Argumente für diese Annahme sind:

1). Die Seitenzahl des Vorwortes und des Inhaltsverzeichnisses des Werkes Vom Kriege, die Mao in seinem Lesetagebuch notierte, ist mit der Seitenzahl des Vorwortes und des Inhaltsverzeichnisses dieser Ausgabe ganz identisch.*38

2). Die Seitenzahl des Anfanges und Endes im 1. Kapitel, die Mao in seinem Lesetagebuch notierte, stimmt mit der Seitenzahl des Anfanges und des Endes im 1. Kapitel dieser Ausgabe fast überein: In seinem Lesetagebuch schrieb Mao: "Erstes Buch über die Natur des Krieges, ab 24. Seite. Heute habe ich erstes Kapitel fertig gelesen, bis Seite 55";*39 Das 1. Kapitel in Lius Ausgabe reicht von Seite 23 bis Seite 55.*40

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*36. Vgl. Carl von Clausewitz, Vom Kriege. Aus dem Japanischen vom Übersetzungsbüro des Heeres der Guomindang. Verlag für Militärbücher. Nanking 1937, chinesisch.

*37. Vgl. QU Shouti, Vorwort und Hinweise zur Benutzung. In: Carl von Clausewitz, Vom Kriege (wie Anm. 34), chinesisch, S. 9 und 13.

*38. Vgl. Mao Zedongs Randglossen (wie Anm. 27), S. 1-19.

*39. Ebd., S. 282.

*40. Carl von Clausewitz, Vom Kriege (wie Anm. 35), chinesisch, S. 23-55.

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Dabei war die Seite 24 in Maos Lesetagebuch offensichtlich ein Notizfehler.

3). Einige chinesische Ausdrucksweisen, die Mao in seinem Lesetagebuch oder in seiner Schrift "Über den langwierigen Krieg" anwandte,"*41 sind mit denen von Lius Ausgabe ganz identisch".*42 Dies werden wir in einem anderen Zusammenhang noch einmal aufgreifen.

4). Nicht zuletzt erwähnte Liu in seinem Vorwort Lenins Auszüge aus dem Werk Vom Kriege und Friedrich Engels' Bemerkung zu Clausewitz' Werk'.*43 Das konnte auch ein Anlass dazu sein, dass Mao Lius Ausgabe auswählte und las.

Manche Unterlagen geben auch Hinweise dafür, dass Mao außer Lius Ausgabe auch andere Versionen des Werkes Vom Kriege hätte besitzen können. Z.B. wurde die Ausgabe, die durch die Heeresakademie der Guomindang-Armee gedruckt wurde, im "Seminar über Clausewitz' Werk, Vom Kriege, worauf ich noch näher eingehen werde, als Lehrstoff benutzt.*44 Da diese Ausgabe im klassischen Chinesisch geschrieben und schlecht übersetzt war, wurde Professor He Sijing, der in Deutschland studiert hatte, gebeten, das Werk Vom Kriege teilweise direkt aus dem deutschen Originaltext ins Chinesische zu übersetzen und das Übersetzungsmanuskript dem Seminar zur Verfügung zu stellen. Dies ist auch geschehen.''*45 Das hat fast belegt, dass Mao während seines Studiums des Werkes Vom Kriege im Jahre 1938 nicht nur Lius Ausgabe, sondern auch die der Heeresakademie der Guomindang-Armee und das Übersetzungsmanuskript des Professors He benutzte bzw. besaß. Von 1938 bis 1976 gab es in China (einschließlich Taiwan) wieder 6 Ausgaben des Werkes Vom Kriege von Clausewitz, nämlich:

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*41. Vgl. Mao Zedongs Randglossen (wie Anm. 27), S. 282; Mao Zedong, Ausgewählte Werke. Bd.II, Hrsg. von der Kommission des Zentralkomitees der kommunistischen Partei Chinas für die Herausgabe der Ausgewählten Werke Mao Zedongs. Verlag für Fremdsprachige Literatur. Beijing 1968, deutsch, S. 181 und 192.

*42. Carl von Clausewitz, Vom Kriege (wie Anm. 35), chinesisch, S. 28 und 35.

*43. Vorbemerkung des Übersetzers. In: Carl von Clausewitz, Vom Kriege (wie Anm. 35), chinesisch, S. 4 und 5.

*44. Dies beruht auf General Mo Wenhuas Brief vom 25.5.1987, der bis heute noch nicht offiziell veröffentlicht wurde.

*45. Ebd.

[456]

1) die von Fu Daqing übersetzte und im Jahre 1940 erschienene Ausgabe;

2) die 1941 im Verlag für Landesverteidigung in Guilin herausgegebene Ausgabe;

3) die von Li Yüri aus dem Japanischen übersetzte und im Jahre 1943 erschienene Ausgabe;*46

4) die von Huang Huanwen übersetzte und im Jahre 1947 erschienene Ausgabe;

5) die von Zhang Baiting und Niu Xianzhong aus dem Englischen übersetzte und im Jahre 1956 in Taiwan erschienene Ausgabe;

6) die von der militärwissenschaftlichen Akademie der Volksbefreiungsarmee Chinas aus dem Deutschen übersetzte und im Jahre 1964 erschienene Ausgabe."*47

Unter diesen 6 Ausgaben besaß Mao nach meiner Einschätzung mindestens zwei Ausgaben. Dafür gibt es indirekte Hinweise. Laut dem Artikel "Eine wenig bekannte Persönlichkeit Chinas—Fu Daqing" aus der Wochenzeitung "Auszüge aus Zeitungen und Zeitschriften" vom 7.2.1989 habe Zhou Enlai (Tschou En-lai)*48 am Anfang des antijapanischen Krieges (1937) Fu Daqing durch Telegramm berufen, nach Chongqing zu kommen und für die Gruppe der sowjetischen Militärberater zu dolmetschen. Als Fu dort erfahren hatte, dass Mao in Yan-An das Werk Vom Kriege von Clausewitz studiert und darunter gelitten hätte, keine gute Übersetzung lesen zu können, bot er sich an, das Werk aus dem Russischen ins Chinesische zu übersetzen und es Mao und anderen Führern der kommunistischen Partei und der Achten Armee zur Verfügung zu stellen. Als Fus Übersetzung im Jahre 1940 erschien, wurde sie von den engsten Gefährten Maos, dem damaligen obersten Oberbefehlshaber Zhu De (Tschu Teh),*49 der in Deutschland studiert hatte, und dem damaligen Generalstabschef Ye Jianying als "der beste Übersetzungstext in China" bezeichnet.*50

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*46. Vgl. Vorbemerkung des Übersetzers. In: Carl von Clausewitz, Vom Kriege (wie Anm. 35), chinesisch, S. 5; Vgl. Rezension von Cheng Suichu. In: Carl von Clausewitz, Vom Kriege, gekürzt und übersetzt von Huang Huanwen. Shangwu-Verlag. Shanghai 1946, chinesisch, S.U.

*47. Vgl. Zhang Yuan-Lin, Die chinesischen Ausgaben des Werkes Vom Kriege (wie Anm. 2), S. 229.

*48. Zhou Enlai (1898-196), der ehemalige langjährige Ministerpräsident der Volksrepublik China. Er hat in den 1920er Jahren in Paris, Göttingen und Berlin studiert.

*49. Zhu De (1886-1976), einer der Mitbegründer und Hauptführer der Volksbefreiungsarmee und der Volksrepublik China. Was sein Deutschlandsstudium anbelangt, hat er im Zeitraum 1922-1925 zwei Semester Soziologie in Göttingen studiert und dann insgesamt zwei Jahre lang Vorlesungen über Soziologie und Militärwissenschaften in Berlin gehört.

*50. Vgl. den Artikel "Eine unbekannte Persönlichkeit—Fu Daqing." In: Auszüge aus Zeitungen und Zeitschriften. Wochenzeitung vom 7.2.1982, chinesisch, S. 2.

[457]

Es ist logisch, dass Fu Daqinqs Version auch Mao zur Verfügung gestellt wurde.

Außerdem musste Mao auch die Übersetzung der Militärwissenschaftlichen Akademie der Volksbefreiungsarmee Chinas, deren erste Auflage im Jahre 1964 erschien, besitzen. Diese Version liegt sehr wahrscheinlich heute noch im Besitz der privaten Bibliothek Maos. Aber dies kann ich zur Zeit noch nicht bestätigen.

II.3. Veranstaltete Mao Zedong ein
"Seminar über Clausewitz' Werk
Vom Kriege"?

Wenn es den Forschern schon erstaunlich erscheinen sollte, dass Mao ein Clausewitz-Leser war, so würde es sie vielleicht überraschen, dass Mao im Frühling 1938 sogar persönlich ein Seminar über Clausewitz' Werk "Vom Kriege" veranstaltete.

Die Lage veränderte sich ständig. Um den neuen Herausforderungen entgegenzukommen, wollte Mao den neuen Aufgaben entsprechend sein theoretisches Niveau erhöhen. Dabei wollte er auch die Studien und die Ausbildung seiner Partei und seiner Armee in den Bereichen der Philosophie, Politik, Kriegstheorie und Kriegsgeschichte in Yan-An fördern. Nach dem Beginn des antijapanischen Krieges wurden in Yan-An mehrere Vorlesungen, Symposien und Seminare veranstaltet. Die "Forschungsgesellschaft für den Widerstandskrieg gegen die japanische Aggression" wurde gegründet. Mao selbst veranstaltete im Jahre 1938 mindestens zwei Seminare, nämlich: "Seminar über Clausewitz' Werk Vom Kriege" und "Seminar über philosophische Fragen." Viele Schriften von Mao sind eigentlich aus seinen damaligen Vorträgen entstanden.

Der General Mo Wenhua, ein Teilnehmer der beiden von Mao organisierten Seminare, erinnerte sich in einem Brief vom 25.05.1987 an das "Seminar über Clausewitz' Werk Vom Kriege":

[458]

Es sei Anfang 1938 in Yan-An gewesen. Das Seminar habe in dem Wohnraum des Vorsitzenden Mao Zedong auf dem Fenghuang-Berg in Yan-An stattgefunden. Unter den Teilnehmern hätten es außer dem Vorsitzenden Mao noch Xiao Jinguang, Luo Ruiqinq, Teng Daiyuan, Mo Wenhua und Ye Zilong*51 u.a. gegeben. Im Seminar seien die Kopien der von der Heeresakademie der Guomindang-Armee herausgegebenen Version und das vom Professor He Sijing aus dem deutschen Originaltext ins Chinesische übertragene Manuskript als Lehrstoff benutzt worden. Das Seminar habe einmal in der Woche stattgefunden. Die Sitzung habe normalerweise von etwa 19 Uhr bis nach 23 Uhr gedauert. Jedes Mal habe Professor He zuerst den Lehrstoff verteilt und dann einen Abschnitt nach dem anderen erklärt. Nach der Erklärung des Lehrstoffes habe jeweils ein Teilnehmer ein Referat gehalten; danach habe man über Fragen und Probleme diskutiert. Am Ende der Sitzung habe der Vorsitzende Mao zusammenfassend seine eigene Meinung geäußert. Dann sei die Sitzung beendet gewesen. Das Seminar habe nur den ersten Teil des Werkes Vom Kriege behandelt. Dabei habe der Vorsitzende Mao vor allem über die Konzentration der Kräfte und die strategischen Stadien des Krieges u.a. gesprochen."*52

Maos Clausewitz-Studien trieben die Clausewitz-Forschung und die Übersetzung der Schriften von Clausewitz im akademischen Kreis in Yan-An voran. Der Verlag für Militär und Politik der Achten Armee gab z.B. im Juli 1939 im 7. Heft der "Zeitschrift für Militär und Politik" die Übersetzung von Jiao Minzi "Einführung für die russische Ausgabe des Werkes Vom Kriege von Clausewitz" heraus. Im 12. Heft 1939, im 1. und 2. Heft 1940 der selben Zeitschrift erschien Professor He Sijings Aufsatz "Lenin und Clausewitz" in Fortsetzungen. Der Verlag veröffentlichte außerdem auch die von Yang Zuocai ins Chinesische übertragene Broschüre "Lenin und Clausewitz' Werk Vom Kriege. Auszüge und Randglossen" im Oktober 1939 und die von Xiao Guangwei übersetzte Broschüre "Anhang des Werkes Vom Kriege von Clausewitz"*53 im November 1940. Diese letzten beiden Broschüren gehören zur "Schriftenreihe für den antijapanischen Krieg." Vom selben Verlag wurde die von Qü Shouti übersetzte Ausgabe des Werkes Vom Kriege im August 1941 nachgedruckt.

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*51. Lebensläufe dieser Teilnehmer siehe Lexikon der chinesischen Soldaten. Hrsg. von Wu Lusong. Sinhua-Verlag. Shanghai 1989. (Chinesisch)

*52. Wie Anm. 44.

*53. Diese Broschüre enthält folgende Schriften von Clausewitz: 1. Die wichtigsten Grundsätze des Kriegführens, zur Ergänzung meines Unterrichts bei Sr. Königl. Hoheit dem Kronprinzen; 2. Über die organische Einteilung der Streitkräfte; 3. Skizze eines Planes zur Taktik oder Gefechtslehre; 4. Leitfaden zur Bearbeitung der Taktik der Gefechtslehre.

[459]

Zu dieser Zeit wurden einige Teile des Werkes Vom Kriege, die von Fu Daqing übersetzt wurden, z.B. "Über den Kulminationspunkt des Sieges," "Der Krieg ist ein Instrument der Politik" und "Die wichtigsten Grandsätze des Kriegführens," im Wochenblatt "Volksmassen"*54 im 22. Heft des III. Bandes, im 9. und 15. Heft des IV. Bandes in Fortsetzungen veröffentlicht. Die "Kang-Da," die militärische und politische Universität des chinesischen Volkes für den Widerstandskrieg gegen Japan in Yan-An, sammelte einige Aufsätze zu einem kleinen Sammelband mit dem Titel "Studien des clausewitzschen Werkes Vom Kriege und stellte ihn als Lektüre zur Verfügung.

Mao war kein reiner Soldat. Er studierte zu jener Zeit u.a. militärtheoretische Bücher, einschließlich des Werkes Vom Kriege, nicht nur, um sich Fachkenntnisse zu erwerben; vielmehr ging es ihm darum, den Widerstandskrieg mit Hilfe der Weisheit der Militärphilosophie zu führen, damit die militärisch überlegene Besatzungsmacht vertrieben werden sollte. Noch konkreter gesagt: Mao wollte aus den Essenzen der Kriegserfahrungen und der Militärphilosophie Nützliches schöpfen, um die damals in China herrschenden falschen Auffassungen über "das unvermeidliche Unterjochen Chinas" oder "einen raschen Sieg über Japan" zu widerlegen und eine politisch-militärische sowie strategische Richtlinie, die der Realität Chinas entsprach, aufzustellen. Eine Fracht dieser Studien ist es, dass Mao danach die Strategie gegen die japanische Besatzungsmacht aufstellte. Diese Strategie ist hauptsächlich in seiner Schrift "Über den langwierigen Krieg" enthalten, in der vor allem folgende Fragen beantwortet wurden: Warum sollte der Widerstandskrieg gegen Japan ein langwieriger Krieg sein? Warum könnte China am Ende siegen? Wie sollte man den lang andauernden Krieg zum Endsieg führen? Diese Schrift war ein Ergebnis seiner komplexen zweckvollen Studien und seiner Untersuchung der konkreten Praxis in China; dazu haben Maos Clausewitz- Studien auch ihren Beitrag geleistet.

II.4. Es gab noch andere Wege, die Maos Berührung mit Clausewitz' Gedanken führen könnten.

Zuerst kann festgestellt werden, dass Mao beim Lesen der Schriften von Lenin und anderen marxistischen Schriftstellern mit Clausewitz' Gedanken in Berührung kam, was einige Clausewitz-Forscher wie Werner Hahlweg und Raymond Aron bereits in ihren Schriften schon erwähnten.

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*54. "Volksmassen," das öffentliche Wochenblatt der kommunistischen Partei Chinas während des Widerstandskriegs gegen Japan (1937-1945).

[460]

Außerdem konnte Mao durch Lesen der militärischen Bücher, Vorschriften und Artikel der Guomindang-Armee auch auf die Gedanken von Clausewitz stoßen. Es geht aus meiner Untersuchung hervor, dass die Führung der Guomindang und Generäle der Guomindang-Armee die Kriegstheorie von Clausewitz nicht weniger als Mao und seine Gefolgten schätzten und studierten.

Jiang Jieshi (Tschang Kai-schek) war ein fleißiger Clausewitz-Leser. Seiner eigenen Angabe nach hatte Jiang bereits vor 1919 Clausewitz' Werk Vom Kriege mehrmals gelesen und viele Stellen darin durch Kreis oder Punktlinien hervorgehoben.*55 Später wurde es von ihm wiederholt gelesen und sogar mit 13 Vermerken kommentiert (ein Vermerk zu dem I. Buch des Werkes Vom Kriege; zwei Vermerke zu dem II. Buch; drei Vermerke zum III. Buch; drei Vermerke zum VI. Buch; ein Vermerk zum VII. Buch; drei Vermerke zum VIII. Buch).*56

Jiang Jieshi schrieb sogar einen Aufsatz mit dem Titel "Meine Eindrücke beim Lesen des Werkes von Clausewitz." Darin sagte er u.a.:

"Die Kriegstheorie von Clausewitz, in der volle philosophische Atmosphäre herrscht, ist eine echte Kriegsphilosophie; sie ist nicht nur für Kriegführung, sondern auch für politische, diplomatische, wirtschaftliche Tätigkeiten sowie verschiedene soziale Aktivitäten nutzbar. Könnte man sich intensiv dem Studium widmen und sein Werk von Grund auf verstehen, würde das eine unerschöpfliche und einfallsreiche Hilfe für unsere revolutionäre Sache und alle Strategeme sein. Deswegen müssen sowohl Soldaten als auch Parteimitglieder, Verwaltungsbeamten und alle revolutionären Kader, die an der vordersten Front gegen den Feind kämpfen, die Kriegstheorie von Clausewitz gründlich studieren. In Bezug auf meine eigenen Militärgedanken wurde ich von zwei Büchern am meisten beeinflusst, das erste ist 'Balcks Taktik,'*57 das von einem einfachen Zivilisten, nicht von einem bekannten Militär, geschrieben, aber von den einfachen deutschen Soldaten sehr beachtet und als ein wertvolles Buch betrachtet wurde ... Das zweite ist dann das Werk Vom Kriege von Clausewitz."*58

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*55. Luo Yun, Essenz aus dem Werk Vom Kriege von Clausewitz. Xiangyun-Verlag. Taibei 1965, chinesisch, S. 114 ff.

*56. Niu Xianzhong, Vorbemerkung. In: Carl von Clausewitz, Vom Kriege. Übersetzt von Niu Xianzhong. Taibei 1980, S. 1177 ff.; Vgl. Lou Yun, Essenz aus dem Werk Vom Kriege (wie Anm. 55), chinesisch, S. 18, 26-29, 32, 36, 37-38, 41-42, 60-62, 72-73, 79-81, 93, 99, 102-103, 110-111 und 114-118. "

*57. Dieses Buch habe ich bis jetzt noch nicht gefunden. Während meiner Untersuchung konnte ich nur einem Leutnant William Balck aus Deutschland auf die Spur kommen, der 1923 eine kurze Abhandlung mit dem Titel Kleiner Krieg herausbrachte, in der er auf Grund eigener Erlebnisse die Guerilla als bloße Begleiterscheinung des großen Kriegs begriff. Siehe William Balck, Kleiner Krieg, Militärwissenschaftliche Mitteilungen Bd. 3, Jg. Märzheft 1923.

*58. Luo Yun, Essenz aus dem Werk Vom Kriege (wie Anm. 55), chinesisch, S. 115.

[461]

Außer Jiang Jieshi gab es noch einige chinesische Militärtheoretiker, die sich in der Zeit der Republik China (1912-1949) für die Theorie von Clausewitz interessierten. Z. B. nahm Jiang Baili (1882-1938), der 1938 amtierender Direktor der Heeresakademie der Guomindang-Armee war, von den Gedanken von Clausewitz in seine Bücher "Über die Landesverteidigung" und "Neue Interpretation der Militärtheorie von Sunzi" so vieles auf,*59 dass man kommentierte: "Die Kriegsanschauung von Jiang Baili ist ähnlich wie die von Clausewitz. Man kann sagen, dass sie die mit Jiang Bailis Worten geäußerte Ansicht von Clausewitz ist."*60 Zahlreiche Generäle der Guomindang-Armee hatten im Ausland studiert. Selbst Jiang Jieshi hatte in der japanischen Militärschule studiert.

Die deutschen militärischen Berater unter der Leitung von Oberstleutnant Kriebel (1929-1930), General Wetzell (1930-1934), Generaloberst Hans von Seeckt (1934-35) und General von Falkenhausen (1935-1938) wirkten auch in China.*61 Unter ihnen kann mindestens Hans von Seeckt als ein Clausewitz-Interessent angesehen werden.*62

Die Vorschriften der Guomindang-Armee nahmen vieles aus den ausländischen Militärtheorien auf, so dass Mao nach seinem Lesen derselben die Schlussfolgerung zog, dass "die militärischen Vorschriften, die von der reaktionären chinesischen Regierung beziehungsweise von den reaktionären chinesischen Militärakademien herausgegeben wurden," lediglich "die allgemeinen Gesetze des Krieges darlegen und überdies samt und sonders von ausländischen Quellen abgeschrieben sind."*63 Ohne Zweifel kann es diesen Vorschriften nicht an den clausewitzschen Quellen fehlen. Durch Auseinandersetzungen mit den Militärbüchern und Vorschriften der Guomindang-Armee konnte Mao also auch mit Clausewitz' Gedankengängen in Berührung kommen.

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*59. Jiang Baili besuchte von 1901-1906 eine Militärschule in Japan. Danach machte er eine Fortbildung in Deutschland und sogar ein Praktikum als Kompanieführer in der deutschen Armee. 1910 kehrte er nach China zurück. 1912 wurde er der Direktor der Offiziersschule für das Heer in Baoding. 1938 wurde er der amtierende Direktor der Heeresakademie der Guomindang- Armee. Im November desselben Jahres starb er an einer Krankheit. Er war ein chinesischer nationaler patriotischer Militärtheoretiker.

*60. Lu Huchun, Studien der bürgerlichen Militärgedanken. Verlag der Universität für Landesverteidigung. Beijing 1987, chinesisch, S. 82

*61. Vgl. China Handbuch. Hrsg. von Wolfgang Franke unter Mitarbeit von Brunhild Staiger. Eine Veröffentlichung der Deutschen Gesellschaft für Ostasienkunde. Bertelsmann Universitätsverlag. Düsseldorf 1974, S. 876.

*62. Vgl. Hans von Seeckt, Gedanken eines Soldaten. Erweiterte Ausgabe. Leipzig 1935, S. 23 ff: "Clausewitz, zum 150. Geburtstag," S. 23 ff.

*63. Mao Zedong, Ausgewählte Werke. Bd. I, Beijing 1968, chinesisch, S. 211.

[462]

Von Maos Gefolgsleuten hatten auch nicht wenige im Ausland, vor allem in Deutschland, Frankreich, Russland, studiert, z.B.: Zhu De (der ehem. oberste Oberbefehlshaber der roten Armee bzw. der Achten Armee oder der Volksbefreiungsarmee) in Deutschland, Zhou Enlai (der ehem. Ministerpräsident) in Frankreich und Deutschland; Liu Bocheng (Marschall) in Russland ... Auch viele Intellektuelle, wie der oben erwähnte Professor He Sijing, kamen wegen des Widerstandskrieges gegen Japan aus dem Ausland nach China zurück.

Interessant ist, dass beim Zentralkomitee der kommunistischen Partei Chinas auch ein früherer deutscher Offizier namens Otto Braun aus Ismaning bei München, der sich in China den chinesischen Namen "Li De" zulegte, als Militärberater (1932-1939) tätig war. Er wurde angeblich von der Kommunistischen Internationalen nach China geschickt. Er war der einzige Ausländer, der an dem Langen Marsch teilnahm. Er übte einen großen Einfluss auf die Partei- und Armeeführung aus, als die von Moskau zurückgekehrten Dogmatiker an der Spitze der kommunistischen Partei Chinas waren. Aber als Mao Zedong im Jahre 1935 die Führung der Partei und der Armee übernahm, wurde "Li De" gleichzeitig aus dem Machtzentrum entfernt. Später war er in Yan-An als Professor der militärischen und politischen Universität tätig.*64 Es wurde gesagt, dass er damals ein flinkes Mundwerk besaß und oft bei Gesprächen die großen Persönlichkeiten wie Caesar, Napoleon, Friedrich den Großen, Clausewitz und Moltke zitierte.*65 Später zeigte Otto Braun auch sein Interesse an Lenins Clausewitz-Studien, indem er im Jahre 1957 in Berlin Lenins Clausewitz-Studien herausgab.*66 Die Möglichkeit, dass Otto Braun auch einen Beitrag zu Maos Studium des Werkes Vom Kriege leistete, will ich nicht ausschließen.

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*64. Vgl. Lexikon der modernen Geschichte Chinas. Beijing 1987, chinesisch, S. 460.

*65. Harrison E. Salisbury, The Long March (wie Anm. 23), S. 44.

*66. Vgl. W. I. Lenin, Clausewitz' Werk Vom Kriege, Auszüge und Randglossen. Mit Vorwort und Anmerkungen von Otto Braun. Verlag des Ministeriums für nationale Verteidigung. Berlin 1957.

[463]

Nicht zuletzt war Mao sehr belesen. Unter umfangreichen Büchern, Zeitungen und Zeitschriften während der Kriegszeit konnte er auch gelegentlich etwas von und über Clausewitz lesen.*67 Durch die obengenannten Wege konnte Mao mehr oder weniger auch Clausewitz' Gedanken berühren.

II.5. Wieweit, auf welche Weise und unter welchen Umständen nahm
Mao Zedong Clausewitz' Ansichten in seine Kriegstheorie auf?

Mao Zedongs Studium des Werkes Vom Kriege hat deutliche Spuren in seiner Schrift "Über den langwierigen Krieg" hintergelassen.

Kurz nach seinem Studium des Werkes Vom Kriege, also im Mai 1938, verfasste Mao Zedong eine wichtige militärtheoretische Schrift mit dem Titel "Über den langwierigen Krieg," in der er Clausewitz direkt oder indirekt anführte.

Als Mao im Kapitel dieser Schrift "Der Krieg und die Politik" die Beziehung zwischen den beiden analysierte, schrieb er: "Mit dem Satz ‚Der Krieg ist eine Fortsetzung der Politik' wird gesagt, dass der Krieg Politik ist, dass der Krieg selbst eine Aktion von politischem Charakter darstellt;... Doch der Krieg hat seine Besonderheiten, und das will sagen, dass er nicht mit der Politik schlechthin gleichgesetzt werden kann. ‚Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.'*68 Der Satz mit einfachen Anführungszeichen in diesem Abschnitt ist gerade die bekannte Clausewitz-Formel. Aber die Frage ist, ob Clausewitz hier direkt oder indirekt zitiert wurde. Der Satz "Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln" in diesem Abschnitt wurde mit der folgenden Fußnote versehen: "Vgl. W. I. Lenin, Sozialismus und Krieg, Kapitel I, und Der Zusammenbruch der II. Internationale, Abschnitt 3."*69 Es belegt, dass Mao hier durch Lenin Clausewitz indirekt zitierte. Aber es war durchaus auch möglich, dass Mao sich durch sein eigenes Studium des Werkes Vom Kriege mit dem bekannten Clausewitz-Satz vertraut machte. Dieser Satz, der sich in dem von Mao gelesenen 1. Kapitel des I. Buches im Werk Vom Kriege bereits befindet, machte sicherlich einen tiefen Eindruck auf ihn, so dass dieser Eindruck während seines Schreibens der Schrift "Über den langwierigen Krieg" noch frisch bleiben könnte.

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*67. Vgl. Chen Changfeng, Mit dem Vorsitzenden Mao auf dem Langen Marsch. 6. Aufl., Beijing 1960, chinesisch, S. 9 ff. Nach der Erinnerung dieses Leibwächters Maos ging Mao Zedong jedes Mal, sobald sich die Rote Armee Während des Langen Marsches in einer Stadt aufhielt, entweder persönlich zur Post, die damals auch eine Funktion als Buchhandlung hatte, oder er schickte Leute dorthin, um Zeitungen, Zeitschriften und Bücher zu kaufen. Aus anderen Quellen wusste man, dass Mao in Yan-An oft seine Freunde in großen Städten gebeten hatte, Bücher zu kaufen und an ihn nach Yan-An zu schicken.

*68. Mao Zedong, Ausgewählte Werke (wie Anm. 63), deutsch, S. 177 und 178.

*69. Ebd., S. 227.

[464]

Im selben Kapitel drückte Mao aus, man dürfe "den Krieg nicht eine Minute lang von der Politik trennen."*70 "Sollte bei den Militärs, die den Widerstandskrieg führen, eine Tendenz aufkommen, die darin besteht, die Politik zu unterschätzen, den Krieg von der Politik zu isolieren und den Krieg zu etwas Absolutem zu machen, so ist das falsch und muss berichtigt werden."*71 Bemerkenswert ist es, dass Mao hier eine Tendenz des Krieges zu "etwas Absolutem" erwähnte. Dies deutete darauf hin, dass Clausewitz' Aussage über das Absolute des Krieges''*72 auch Maos Aufmerksamkeit und Nachdenken erweckt haben könnte.

Im Kapitel "Das Ziel des Krieges" wandte Mao eine Formulierung an, die der von Clausewitz inhaltlich sehr ähnlich ist. "Das Ziel des Krieges besteht" schrieb Mao, "in nichts anderem als in ‚der Selbsterhaltung und der Vernichtung des Feindes.'"*73 Es fällt auf, dass in diesem Satz ein Anführungszeichen steht, aber keine Quellenangabe. Ich nehme an, dass Mao hier Clausewitz' Formulierung "Vernichtung der feindlichen Streitkraft und die Erhaltung der eigenen"*74 in gekürzter und modifizierter Form sinngemäß übernahm.

Anschließend zitierte Mao die clausewitzsche Formulierung "den Feind wehrlos zu machen" wörtlich aus der chinesischen Übersetzung des Werkes Vom Kriege, als er "die Vernichtung des Feindes" erklärte: "Den Feind vernichten heißt ihn entwaffnen oder ihn ,seiner Widerstandskraft berauben,' nicht aber ihn bis auf den letzten Mann physisch vernichten."*75 Hier wird "seiner Widerstandskraft berauben" auch mit einem Anführungszeichen versehen. Es scheint, als ob Maos Wortgebrauch ganz anders wäre als der von Clausewitz ("den Feind wehrlos zu machen"). Aber in der Tat handelt es sich lediglich um die Übersetzung. Ich habe Maos Zitat im Chinesischen mit der entsprechenden Stelle in der von Liu Jo-shui ins Chinesische übersetzte Ausgabe des Werkes Vom Kriege genau verglichen und festgestellt, dass Mao den Satz aus dieser Ausgabe direkt wörtlich zitierte.*76

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*70. Ebd., S. 178.

*71. Ebd.

*72. Carl von Clausewitz, Vom Kriege (wie Anm. 35), chinesisch, S. 35.

*73. Mao Zedong, Ausgewählte Werke, Bd. II, Beijing 1968, deutsch, S. 181 und 182.

*74. Carl von Clausewitz, Vom Kriege. Bonn 1991, S. 228.

*75. Mao Zedong, Ausgewählte Werke (wie Anm. 73), S. 181.

*76. Vgl. Mao Zedong, Ausgewählte Werke, Renmin-Verlag. Beijing 1969, chinesisch, S. 447; die von Liu Jo-shui ins Chinesische übersetzte Ausgabe des Werkes Vom Kriege (wie Anm. 34), S.31.

[465]

Außerdem war Maos Ansicht, dass die Selbsterhaltung und die Vernichtung des Feindes Grundlage aller kriegerischer Handlung seien, mit der von Clausewitz verwandt. Der originale Satz von Clausewitz lautet: "Sonach ist also die Vernichtung der feindlichen Streitkraft die Grundlage aller kriegerischen Handlungen, der letzte Stützpunkte aller Kombinationen, die darauf wie der Boden auf seinen Widerlagen ruhen."*77 Als Mao die Wichtigkeit der Vernichtung des Feindes und der Selbsterhaltung formulierte, sagte er: "Das Kriegsspiel—die Selbsterhaltung und die Vernichtung des Feindes—macht den Zweck des Krieges aus und dient als Grundlage aller Kriegshandlungen, die alle, von den technischen bis zu den strategischen, von diesem Wesen durchdrungen sind."*78 Der kursive Teil "Grundlage aller Kriegshandlungen" hat mit dem von Clausewitz eine frappierende Ähnlichkeit. Diese beiden Formulierungen könnte man in dieselben chinesischen Wörter übersetzen, ohne auch nur ein bisschen den Inhalt zu verlieren. Offensichtlich handelt es sich hier wie oben wieder um ein Problem der Übersetzung.

Der Begriff "Wahrscheinlichkeit" bildet in Clausewitz' Werk Vom Kriege ein wichtiges Thema, was in der bisherigen Clausewitz-Forschung wenig berücksichtigt wurde. Aber Mao schenkte schon offenbar im Jahre 1938 diesem Begriff Aufmerksamkeit. Im Kapitel "Initiative, Flexibilität und Planmäßigkeit" zitierte Mao direkt den Begriff "Wahrscheinlichkeit" von Clausewitz mit Anführungszeichen, während er sich mit der Problematik der Gesetzmäßigkeit und Gewissheit des Krieges beschäftigte: "Wir räumen ein, dass im Vergleich zu allen anderen gesellschaftlichen Erscheinungen der Krieg ein Phänomen ist, mit dem man sich schwerer zurechtfindet, das durch weniger Gewissheit gekennzeichnet ist, d.h. mehr ,Wahrscheinlichkeit' in sich birgt."*79 Aus dem Textvergleich geht hervor, dass das von Mao zitierte Wort "Wahrscheinlichkeit" im Chinesischen mit dem der chinesischen Übersetzung Lius übereinstimmt.*80

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*77. Carl von Clausewitz, Vom Kriege (wie Anm. 74), S. 225. Hervorgehoben durch den Verfasser.

*78. Mao Zedong, Ausgewählte Werke, Bd. II. (wie Anm. 73), chinesisch, S. 183. Hervorgehoben durch den Verfasser.

*79. Ebd., S. 192.

*80. Vgl. Mao Zedong, Über den langwierigen Krieg. Renmin-Verlag. Beijing 1952, chinesisch, S. 64; Carl von Clausewitz, Vom Kriege (wie Anm. 35), chinesisch, S. 35 und 45.

[466]

Außerdem hat das im Jahre 1989 erschienene "Lexikon der Mao Zedongideen," herausgegeben von dem Vorstand der Studiengesellschaft für die Theorie und Praxis der Mao Zedongideen, auch bestätigt, dass Mao in seine Schrift "Über den langwierigen Krieg" den Begriff "Wahrscheinlichkeit" eingeführt hat.*81 Der Begriff "Wahrscheinlichkeit," der auf dem Gebiet der Kriegstheorie angewendet wurde, war damals in China sehr neu und auffällig, also durchaus ein Fremdwort. Dies war vielleicht ein Grund dafür, dass Mao ihn mit Anführungszeichen direkt zitierte.

Im Werk Vom Kriege kann man so einen Satz lesen: " ... in so gefährlichen Dingen, wie der Krieg eins ist, sind die Irrtümer, welche aus Gutmütigkeit entstehen, gerade die schlimmsten."*82 Als der Übersetzer Liu Jo-shui ihn ins Chinesische übertrug, tat er es nicht originalgetreu. Der von ihm ins Chinesische übersetzte Satz lautet nun: "... in so gefährlichen Dingen, wie der Krieg eins ist, sind die Irrtümer, welche wie bei dem Herzog Hsiang vom Staat Sung"*83 aus Gutmütigkeit entstehen, gerade die schlimmsten."*84 In diesem Satz kann man leicht merken, dass Liu bei der Übersetzung eine entsprechende chinesische Anspielung auf eine historische Begebenheit (siehe den kursiven Satzteil) willkürlich hinzugefügt. Interessant ist, dass Mao im Kapitel "Initiative, Flexibilität und Planmäßigkeit" auch den Herzog Hsiang erwähnte, um eine ähnliche Gesinnung wie die des obengenannten Satzes von Clausewitz an den Tag zu legen. Als Mao erklärte, wie man die eingedrungenen japanischen Truppen zur falschen Beurteilung verleiten und überrumpeln sollte, um sie dann wirkungsvoll zu schlagen, sagte er: "Wir sind keine Menschen wie der Herzog Hsiang vom Staat Sung und haben für seine törichten Ehrbegriffe nichts übrig."*85 Die Vermutung liegt nahe, dass Lius Übersetzung hier Mao eine Anregung gegeben hat; besonders wenn man den chinesischen Text von Mao mit dem von Liu ins Chinesische übersetzten Text vergleicht, könnte ein solcher Eindruck entstehen.

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*81. Vgl. Lexikon der Mao Zedongideen. Beijing 1989, S. 101.

*82. Carl von Clausewitz, Vom Kriege (wie Anm. 74), S. 192.

*83. Der Herzog Hsiang war Herrscher des Staates Sung in der Frühlings- und Herbstperiode im 7. Jahrhundert v. u. Z. Der Staat Sung führte im Jahre 638 v.u. Z einen Krieg gegen den starken Staat Tschu. Die Truppen Sungs waren bereits in Schlachtordnung aufgestellt, als die Tschu-Truppen noch dabei waren, über einen Fluss zu setzen. Einer der Würdenträger von Sung, der wusste, dass Tschu viele, Sung aber wenige Truppen hatte, schlug vor, den Augenblick zu nutzen und die Tschu-Truppen anzugreifen, solange diese mit dem Hinübersetzen noch nicht fertig waren. Aber der Herzog Hsiang antwortete: , Das geht nicht, ein edler Mann überfällt einen Menschen nicht im Augenblick, da dieser sich in Schwierigkeiten befindet." Als die Truppen Tschus den Fluss überquellt hatten, aber noch nicht in Schlachtordnung aufgestellt waren, schlug der Würdenträger abermals vor, die Tschu-Truppen anzugreifen. Hsiang antwortete wieder: "Das geht nicht, ein edler Mann überfällt keine Truppen, die sich nicht in Schlachtordnung aufgestellt haben." Erst als die Tschu-Truppen völlig kampfbereit waren, gab der Herzog Hsiang den Befehl zum Angriff. Das Ergebnis war, dass der Staat Sung eine schwere Niederlage erlitt und der Herzog Hsiang selbst verwundet wurde. [Vgl. Mao Zedong, Ausgewählte Werke (wie Anm. 73), S. 228.]

*84. Carl von Clausewitz, Vom Kriege (wie Anm. 35), chinesisch, S. 25. Hervorgehoben durch den Verfasser.

*85. Mao Zedong, Ausgewählte Werke, Bd. II. (wie Anm. 73), deutsch, S. 195. Hervorgehoben durch den Verfasser.

[467]

Aus der obigen Untersuchung geht hervor, dass Maos bekannte Schrift "Über den langwierigen Krieg" eine direkte geistige Verwandtschaft mit dem Werk Vom Kriege hat.

II.6. Mao Zedongs Kritik an Stalins Urteil über Clausewitz

In seinen Reden erwähnte Mao Zedong Clausewitz ab und zu. Die Tatsache, dass Mao gegen die totale Verneinung der deutschen Militärwissenschaft und besonders gegen die völlige Negierung der Kriegstheorie von Clausewitz durch Stalin auftrat, machte seine Position zur clausewitzschen Kriegstheorie, deutschen Militärwissenschaft und klassischen idealistischen Philosophie deutlich.

Am 30. Januar 1946 schrieb der sowjetische Militär-historiker Professor Oberst J. A. Rasin an Stalin, dass er die Tendenz der völligen Verneinung der clausewitzschen Militärgedanken im sowjetischen militärtheoretischen Kreis nicht akzeptieren wolle, und appellierte, nach Lenins Anweisung die Militärtheorie von Clausewitz wissenschaftlich zu behandeln. In der Antwort kritisierte Stalin Rasin heftig und lehnte Rasins Appell ab. Er schrieb: "Sollten wir die militärische Doktrin von Clausewitz sachlich kritisieren? Ja, das sollen wir. Wir sind vom Gesichtspunkt der Interessen unserer Sache und der Kriegswissenschaft unserer Zeit verpflichtet, nicht nur Clausewitz zu kritisieren, sondern auch Moltke, Schlieffen, Ludendorff, Keitel und die übrigen Träger der militärischen Ideologie in Deutschland. In den letzten 30 Jahren hat Deutschland zweimal der Welt einen blutigen Krieg aufgezwungen und beide Male eine Niederlage erlitten. Ist das ein Zufall? Natürlich nicht. Bedeutet diese Tatsache, dass nicht nur Deutschland im ganzen, sondern auch seine militärische Ideologie vor der Geschichte versagt hat? Unbedingt." "Was Clausewitz im besonderen betrifft," setzte Stalin fort, "so ist er natürlich als militärische Autorität veraltet. Clausewitz war schließlich ein Vertreter der Manufakturperiode des Krieges ... Es wäre lächerlich, jetzt bei Clausewitz in die Lehre zu gehen.*86 Stalins Position zu Clausewitz und zu deutscher Militärwissenschaft wurde von Mao am 27.1.1957 in seinen "Reden auf einer Konferenz der Sekretäre der Parteikomitees der Provinzen, Städte und Autonomen Gebiete" kritisiert.

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*86. "Stalin über Clausewitz." In: Neues Deutschland, vom 9. Mai 1947, Nr. 107, S. 4.

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Dabei wies Mao darauf hin, dass Marx, Engels und Lenin unermüdlich alle möglichen Dinge, Zeitgenössisches und Historisches studiert hätten. Die drei Bestandteile des Marxismus seien aus dem Studium der klassischen deutschen Philosophie, der klassischen englischen politischen Ökonomie und des französischen utopischen Sozialismus und aus dem Kampf mit ihnen erwachsen. "In dieser Hinsicht war Stalin nicht so gut. Zum Beispiel bezeichnet man zu seiner Zeit die klassische deutsche idealistische Philosophie als eine Reaktion der deutschen Aristokratie auf die französische Revolution. Diese Einschätzung negiert die klassische deutsche idealistische Philosophie in Bausch und Bogen. Stalin negierte die deutsche Militärwissenschaft. Er sagte, sie habe keinen Wert mehr und Clausewitz' Bücher brauche man nicht mehr zu lesen, weil die Deutschen doch besiegt worden seien." "Stalin war," schlußfolgerte Mao, "stark in Metaphysik befangen, und er lehrte viele, sich der Metaphysik hinzugeben."*87

Maos Kritik an Stalin ist bemerkenswert. Stalins totale Verneinung der deutschen Militärwissenschaft ist für Mao unakzeptabel. Die Grundursache der Niederlagen Deutschlands in den zwei Weltkriegen besteht darin, dass seine Politik falsch war. Das bedeutet nicht, dass die ganze Militärwissenschaft Deutschlands falsch war und sie keinen einzigen positiven Aspekt enthält. "Kriegskunst auf ihrem höchsten Standpunkte," behauptete Clausewitz z. B. in seinem Werk Vom Kriege, "wird zur Politik."*88 In den Weltkriegen hat Deutschland gerade hauptsächlich wegen seiner falschen Politik verloren. Das ist nur eines der Beispiele dafür, dass die deutsche Militärwissenschaft, zu der Clausewitz' Kriegstheorie auch gehört, wertvolle Erkenntnisse enthält.

Stalins vernichtendes Urteil über Clausewitz darf nach Maos Ansicht auch nicht akzeptiert werden. Die Militärwissenschaft ist eine Wissenschaft, die sich im Prozess der Aufhebung der bisherigen militärwissenschaftlichen Erbschaft weiter entwickelt. Die kritische Aufarbeitung und Aufnahme der bisherigen militärwissenschaftlichen Erbschaft, einschließlich dem militärtheoretischen Erbe von Clausewitz, ist eine Voraussetzung für die weitere Entwicklung der Militärwissenschaft.

In diesen "Reden" stellte Mao außerdem Stalins Einseitigkeit der Dialektik von Lenin und Clausewitz gegenüber und hob wieder die bekannte Clausewitz-These hervor.

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*87. Mao Zedong, Ausgewählte Werke, Bd. V, Beijing 1978, deutsch, S. 415.

*88. Carl von Clausewitz, Vom Kriege (wie Anm. 74), S. 994.

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In den Augen derjenigen wie Stalin, sagte Mao, "ist Krieg Krieg, und Frieden eben Frieden; beides schließt einander aus und hängt überhaupt nicht zusammen. Krieg könne sich nicht in Frieden und Frieden nicht in Krieg verwandeln. Lenin zitierte aus Clausewitz: ‚Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln'. Der Kampf in Friedenszeiten ist Politik, der Krieg ist ebenfalls Politik, wenn auch mit besonderen Mitteln."*89 Als Clausewitz die dialektische Beziehung zwischen dem Krieg und dem Frieden formulierte, wies er darauf hin, dass "Krieg und Friede im Grunde Begriffe sind, die keiner Gradation fähig sind."*90 Diese beiden Zitate belegen, dass Mao und Clausewitz auch eine ähnliche Meinung über das dialektische Verhältnis von Krieg und Frieden haben.

II.7. Clausewitz in Maos Gespräch mit Helmut Schmidt

Clausewitz machte einen tiefen Eindruck auf Mao, so dass er in seinem Lebensabend beim Gespräch mit Helmut Schmidt auch auf Clausewitz hinwies. Im Oktober 1975 besuchte der damalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt die Volksrepublik China zum ersten Mal offiziell. Mao empfing ihn. In einem Gespräch tauschten Mao und Schmidt ihre Meinungen vor allem über die Strategie der Sowjetunion und effektive Gegenstrategie aus. Sie sprachen dabei auch über Kant, Hegel, Marx und Clausewitz. Nachdem Schmidt seine Meinungen über die Sowjetunion, Europa und die USA u.a. geäußert hatte, sagte Mao: "Mir scheint, Sie sind ein Kantianer. Aber Idealismus ist nichts Gutes! Ich selbst bin ein Schüler von Marx, ich habe viel von ihm gelernt. Ich halte nichts von Idealismus, ich interessiere mich für Hegel, für Feuerbach und für Haeckel. In Bezug auf unser Thema hat Clausewitz recht gehabt.*91 Mit dem letzten Satz meinte Mao vermutlich die Clausewitz- These "Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln," was man durch die anschließende Äußerung von Schmidt deutlich feststellen kann. "Clausewitz," sagte Schmidt, "war ein Genie, einer der wenigen deutschen Offiziere mit politischer Begabung. Marx, Engels und Lenin haben seinen berühmten Satz so interpretiert, als sei Krieg weiter nichts Ungewöhnliches, sondern bloß die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.

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*89. Mao Zedong, Ausgewählte Werke (wie Anm. 87), S. 416.

*90. Carl von Clausewitz, Vom Kriege (wie Anm. 74), S. 988.

*91. Zitiert nach Helmut Schmidt, Menschen und Mächte, 6. Aufl. Berlin 1988, S. 359.

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Ich hingegen ziehe es vor, Clausewitz' Satz als eine Lektion an die Militärs zu lesen, nämlich: Auch im Krieg gebührt der Primat der politischen Führung und nicht etwa—wie zum Beispiel Ludendorff gemeint hat—der militärischen."*92

III. Abschließende Betrachtung

1). Mao Zedong war ein Clausewitz-Leser. In Bezug auf sein Verhältnis zu Clausewitz kam Mao nicht nur durch Lenins Vermittlung mit Clausewitz' Gedankengängen in Berührung, sondern er las Clausewitz' Werk Vom Kriege persönlich. Erstaunlich ist, dass Mao außer seinen eigenen Studien sogar Veranstalter eines "Seminares über Clausewitz' Werk Vom Kriege" im Frühling 1938 in Yan-An war. Es gibt auch Hinweise darauf, dass Mao vermutlich vor oder im Jahre 1936 das Werk Vom Kriege gelesen hatte.

2). Clausewitz' Werk Vom Kriege war eine der theoretischen Quellen der Militärgedanken von Mao. Die Ansicht, dass Mao in seinen Schriften Clausewitz nicht direkt zitierte, ist unhaltbar. Die Untersuchung zeigt, dass Mao in seinen Schriften nicht nur die bekannte Clausewitz-These "Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln" mindestens zwei Mal zitierte, sondern auch einige clausewitzsche Begriffe wie "Wahrscheinlichkeit," "den Gegner wehrlos machen," "Vernichtung der feindlichen Streitkräfte und die Erhaltung der eigenen," "Grundlage aller kriegerischen Handlungen" usw. direkt oder in modifizierter Form zitierte.

Aus der Untersuchung geht auch hervor, dass es bei manchen Auffassungen von Clausewitz und Mao Ähnlichkeiten im sprachlichen Ausdruck gibt. Diese Ähnlichkeiten deuten darauf hin, dass Mao bei seiner Behandlung einiger theoretischer Themen wie Krieg und Politik, Vernichtung des Feindes und Selbsterhaltung, Wahrscheinlichkeit und Ungewissheit, Verteidigung und Angriff Clausewitz zu Rate gezogen hat.

3). Mao Zedongs Clausewitz-Studien im Jahre 1938 waren mit seinen philosophischen, politischen, militärtheoretischen und geschichtlichen Studien verbunden. Das Ziel der Studien von Mao war es, sein theoretisches Niveau zu erhöhen und auf dieser Grundlage Erfahrungen aus den vergangenen Kriegen zusammenzufassen und die strategische Konzeption auszuarbeiten, mit der China die japanische Besatzungstruppen schwächte und schließlich besiegte.

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*92. Ebd.

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Diese strategische Konzeption ist hauptsächlich in Maos bekannter Schrift "Über den langwierigen Krieg," die er an seine Clausewitz-Studien anschließend im Mai 1938 verfasste, enthalten. In gewissem Maß kann man auch sagen, dass Maos Clausewitz-Studien auch ein Bestandteil seiner Bemühung waren, sein eigenes militärtheoretisches System zu entwickeln.

4). Die Untersuchung ergibt beiläufig, dass Jiang Jieshi (Tschiang Kaischeck) ein fleißiger Clausewitz-Leser war. Er machte viele Bemerkungen zu Clausewitz' Werk Vom Kriege und schrieb sogar einen Aufsatz über Clausewitz' Kriegstheorie.

5). Es ist durchaus nicht unbegreiflich, dass Clausewitz' dickes Werk Vom Kriege in China einschließlich Taiwan mehrmals herausgegeben und in bestimmten Kreisen gelesen wurde, wenn Mao Zedong und Jiang Jieshi, die Führer Chinas, Clausewitz-Interessenten waren.

Es ist auch nicht ganz unbegründet, wenn man sagt, dass der deutsche Kriegsphilosoph mit seinen Gedanken, besonders seinen Gedanken über die Verteidigung, durch Mao Zedong und Jiang Jieshi im chinesischen Widerstandskrieg gegen Japan in gewissem Maß mitwirkte.

6). Die Negierung, dass Clausewitz' Kriegstheorie eine der Quellen der Militärgedanken von Mao ist, kann man in nicht wenigen Artikeln in China finden, sie widerspricht aber der Wirklichkeit. Den Einfluss von Clausewitz auf Mao aber so zu übertreiben, als ob Maos Militärgedanken hauptsächlich aus Clausewitz gestammt hätte, entbehrt auch jeder Grundlage. Diese beiden einseitigen und oft auch aus ideologischen Gründen resultierten Ansichten entsprechen nicht dem wissenschaftlichen Geist und dem Prinzip der Objektivität. Als der Verfasser dieses Aufsatzes fühle ich mich verpflichtet, hier diese Sätze hinzuzufügen.

7). Mao Zedongs Bezugnahmen auf Clausewitz habe ich auf den Grundlagen der verfügbaren Materialien systematisch untersucht. Trotzdem wage ich hier nicht, kategorisch zu erklären, dass die oben dargestellten Bezugnahmen Maos auf Clausewitz schon vollständig sind. Hauptgrund dafür ist, dass Maos hintergelassene Werke nicht nur aus herausgegebenen fünfbändigen "Mao Zedongs ausgewählte Werke" (Mao Zedong Xuanji) bestehen. Es gibt noch eine Menge an Schriften, Telegrammen, Reden, Anweisungen, Widmungen, Briefen, Auszügen und Randglossen, die bis heute noch nicht offiziell veröffentlicht wurden. Es kann also nicht ausgeschlossen werden, dass neue Informationen über Maos Verhältnis zu Clausewitz in den nächsten Jahren oder später bekanntgemacht werden. Der Verfasser wird die Entwicklung in dieser Richtung weiter verfolgen.

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